Das insterdisziplinäre Forschungsprojekt WARM-GLOW* geht dem sich gegenwärtig vollziehenden Wandel des Tourismusbegriffs nach am Beispiel der in den letzten Jahren rasant gewachsenen Tourismusindustrie rund um die geschlossene Zone von Tschernobyl.
Allein 2009 haben Presseberichten zufolge mehr als 10’000 Reisende aus der ganzen Welt das Sperrgebiet besucht. Ein breites internationales Interesse für das ungewöhnliche Reiseangebot ist nicht zuletzt auf die Veröffentlichung des 2007 erschienen Computerspiels S.T.A.L.K.E.R. – Shadows of Chernobyl zurückzuführen. Das 3D-Spiel basiert auf authentischen Fotoaufnahmen aus der „Todeszone“ und erzählt die Geschichte eines illegalen Schatzsuchers, der sich mörderischer, mutierter Fauna erwehren muss.
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2009 wurde das ungewöhnliche Reiseziel in das Angebotskatalog des Schweizer Reiseunternehmens Kuoni unter dem Label Ananea aufgenommen, die der Reiseanbieter in Zusammenarbeit mit der Wohltätigkeits-NGO Green Cross unter dem Titel Eine berührende Studienreise durchführt. Die aktuelle Werbebroschüre von Kuoni Travel beschreibt das Angebot mit folgenden Worten:
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„Schönheit und unsichtbare Bedrohung liegen hier nah beieinander“
„Ein Besuch von Tschernobyl ist eine Grenzerfahrung für den Reisenden und ein Wagnis für einen Reiseveranstalter. Wir sind dieses Wagnis eingegangen, weil wir unseren Anspruch nach Authentizität ernst nehmen und weil wir finden, dass ein Reiseveranstalter seinen Gästen, will er ihnen wirklich die Vielfalt der Welt mit all ihren Facetten zeigen, auch schwierige oder unbequeme Ziele nicht vorenthalten darf.“ (Kuoni Travel 2009: 2)
Die besondere Verknüpfung von Reisen in Katastrophengebiete mit wohltätigen Bestrebungen, für die das Reiseangebot von Kuoni exemplarisch erscheint, stellt eine vermeintlich komplementäre Kombination dar, die in der heutigen Tourismuspraxis offenbar vermehrt an Bedeutung gewinnt: Die heute vermarkteten Reiseprodukte zielen nicht länger ausschliesslich darauf ab, die Sehnsucht der Kundschaft nach Auszeit in exotischen Umgebungen zu befriedigen, sondern stellen zunehmend das Eintauchen in die “unmittelbare”, “authentische” Realität ins Zentrum der angebotenen Reisedramaturgien.
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Doch welche Beweggründe animieren Menschen dazu, Reisen in Katastrophengebiete zu unternehmen, welche Risiken werden hierbei in Kauf genommen und welche gesellschaftlichen Tendenzen lassen sich an diesem Phänomen ablesen?
Die operative Phase des Projektes beginnt mit der von Kuoni im April 2011 angebotenen Gruppenreise. Teilnehmende einer Schweizer Reisegruppe werden auf ihrer Tour in die gesperrte Zone begleitet, beobachtet und befragt. Das hierbei gesammelte Videomaterial soll durch weitere Begegnungen mit Reisenden in die gesperrten Gebiete ergänzt, aufbereitet und voraussichtlich Ende 2011 veröffentlicht werden.
Das Forschungsprojekt wird an der HSLU D&K und SA in Zusammenarbeit mit Michael Doerk umgesetzt. Weitere Informationen zum Projekt sind hier abrufbar.
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* Der Begriff Warm-Glow wurde in den späten achtziger Jahren von dem Ökonom James Andreoni eingeführt, dem zufolge altruistisches Verhalten letztlich einen Mehrwert für den Gebenden bewirkt, indem er ein gutes Gefühl und somit einen immateriellen Nutzen generiert. Es wird einem sozusagen warm ums Herz, wenn man hilft, spendet oder anderweitig altruistisch handelt. Warm-Glow ist, so Andreoni, letztlich auf ein egoistisches Motiv zurückzuführen. Vgl.: Andreoni, James: „Impure Altruism and Donatations to Public Goods: A Theory of Warm-Glow“, in: The Economic Journal, Heft 401 (1990)

